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19. Mai 2016

"Ein Hauch von Schicksal" von Lara Wegner // Rezension





Ein Amulett, mehr ist Grace von ihrer Familie nicht geblieben. Angeblich erfüllt es Wünsche. Obwohl sie nicht daran glaubt, wünscht sie sich ein neues Leben. Am nächsten Morgen erwacht sie nicht nur im 17. Jahrhundert, sondern auch noch in einer Ehe mit dem ehemaligen Freibeuter Rhys Tyler, mit dem sie nach Barbados segeln muss. Niemals hätte sie erwartet, in diesem Mann ihre große Liebe zu finden. Doch gerade als Grace wieder an das Glück glaubt, werden sie von Piraten entführt und geraten in die Gewalt eines Mannes, der alles daran setzt, Grace zu brechen und Rhys zu vernichten. Nichts ist mehr sicher. Denn auch eine große Liebe kann an der Grausamkeit eines Wahnsinnigen zerschellen.


Ein Hauch von Schicksal ist ein Buch, bei dem es mir unheimlich schwer fällt eine Rezension zu verfassen. Das Cover ist grandios, der Klappentext spannend und macht Lust auf mehr.

Aber …

Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, was mich an dem Buch stört, denn … es ist gut geschrieben. Handwerklich gesehen. Der Schreibstil ist sehr ausgereift, die Sprache klar, der Plot äußerst gut strukturiert und die Grundidee der Geschichte als solche sehr interessant. Dafür ein großes Kompliment an das Können. Aber … leider wollte (bei mir – vielleicht ergeht es anderen anders) der Funke irgendwie nicht überspringen.

Mein Problem lag eindeutig bei den Figuren. Statt zu lebendigen Menschen zu werden, mit denen man in die Geschichte abtauchen will, für deren Schicksal – und wenn auch nur den Hauch davon – man sich interessiert und mitfiebert, bleiben sie so blass und farblos wie ein Schluck Leitungswasser, statt wild und aufgewühlt wie die stürmische See, die einem das Cover verspricht. Der Strudel der Emotionen bleibt ein seichtes dahin plätschern in einem Tümpel.
Irgendwie konnte ich keine Nähe, keine Stimmung für die Protagonisten aufbauen, auch für die Liebesgeschichte nicht. Statt Konflikte gemeinsam mit dem Leser auszudiskutieren, werden sie von der Autorin nur erzählend abgehandelt, um gleich darauf eine Lösung zu liefern, die ebenso schnell überflogen wird, damit die Figuren möglichst schnell gemeinsam im Bett landen können (gähn!).
Dadurch wird eine vermeintlich heiße Sex-Szene zu einer aneinander Reihung leerer Worthülsen, die bei einem nur ein müdes Seufzen hervorlocken, statt eines wohligen Luftholens.

Beispiel:
Seit fünf Wochen sind Rhys (ER) und Grace (Ich-erzählende Protagonistin) auf hoher See auf einem Schiff und haben nach einer Hauruck-Ehe kaum Worte miteinander gewechselt. Er hat sie die ganze Zeit über ignoriert und ist ihr ausgewichen, wie aus einem gedachten Nebensatz der Ich-Erzählerin klar wird. So geht es mit dem Konflikt dann weiter:

»Du glaubst, ich will dich nicht?« Das warme Timbre seiner Stimme streift in einer Liebkosung über meine Ohrmuschel. »Bei Gott, Grace, ich will dich, seit du in der Kirche den Schleier zurückgeschlagen hast und ich zum ersten Mal dein Gesicht sah.«
Ehrlich? Ehe mir bewusst wird, was ich mache, lehne ich mich an ihn. Sein Körper ist fest wie eine Mauer und warm wie ein Ofen. Ich fühle mich aufgehoben und ein bisschen benommen, weil alles so unerwartet kommt.
»Aber warum warst du dann die ganze Zeit so abweisend?«
»Weil ich mich nicht aufdrängen wollte.«
Ach so. Ich schmiege mich an ihn. »Du bist ein wahrer Gentleman.«
»Das eher nicht.« Er beugt den Kopf, schmiegt seine Wange an meine. Bartstoppeln pieken an meiner Haut. »Wirst du mich in mein Bett einladen, Grace?«
Jederzeit. […]

Also, ich weiß ja nicht, aber irgendwie kommt das Bild des draufgängerischen, verruchten Piraten in der Szene nicht so ganz bei mir herüber. Auch kaufe ich es ihm nicht ab, dass er auf hoher See (wo es abgesehen der eigenen Hände nicht einmal Ausweichmöglichkeiten gibt) fünf Wochen lang seine frisch geheiratete Frau nicht anfasst – nicht mal mit ihr spricht, um eventuelle Missverständnisse zu klären. Und das im 17. Jahrhundert!!! Hahaha! Und dann fragt er auch noch, ob sie ihn ins Bett einlädt. Ich meine, Whaaat? Von so einem Kerl erwartet man doch, dass er die Entscheidung trifft, sie über die Schulter wirft und in der Kajüte auf die Pritsche wirft!

Man liest alles nur, statt zu fühlen. Was man aber fühlt, ist sich betrogen und zwar von der Autorin, da sie mit Worten so viel mehr verspricht, als bei mir, als Leser, schließlich ankam.
Alles schwimmt nur auf der Oberfläche.
IHN konnte ich dabei überhaupt nicht greifen. Viel hilft nicht immer viel, vor allem nicht, wenn es sich um Adjektive bei der Beschreibung einer Person handelt. Für mich blieb er flach und fad, wie das Poster einer Boy-Band über dem Bett einer verliebten Teenagerin.

In die Ich-erzählende Protagonistin bekommt man (gezwungenermaßen) mehr Einblick. Sie hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten. Bei einem Flugzeugabsturz starb ihre ganze Familie. Jedoch hatte ich bei ihren Gedanken nie das Gefühl, mich im Kopf von jemandem zu befinden, der wahren Verlust und schmerzliche Trauer erlitten hat, der aufgrund dessen wie betäubt ist und des Lebens überdrüssig.
Ich weiß, dass die Autorin dieses Gefühl vermitteln wollte, weil es im Buch so dasteht … aber … es kommt nicht bei mir an. Auch hier bleiben die Worte leere, langweilige Hülsen. Grace vermag es nicht, einem ans Herz zu wachsen, da sie in ihrem ichbezogenen, schnippischen Verhalten alles andere als sympathisch rüberkommt.
Ihr Leid zu Beginn kam nicht bei mir an, ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben kam nicht bei mir an, ihre tiefe Liebe (oder eher Lust – schließlich gibt die Autorin ihnen ja nicht einmal Zeit, sich kennenzulernen) für Rhys kam nicht bei mir an. Vielmehr benimmt sie sich wie ein verwöhntes, zickiges Gör und überhaupt nicht nachvollziehbar in gefährlichen Situationen.

Beispiel: Grace wäre in der stürmischen See fast ertrunken. Ihr Mann springt ihr hinterher und rettet sie, kurz bevor die Ohnmacht sie übermannt:

Ach, wie nett. Flaumfederleicht schwebe ich aufwärts. Das Einzige, was meinen Einzug ins Nirwana oder hinter den Regenbogen oder wohin auch immer es meine Seele zieht, aufhält, ist ein Eisenring um meine Mitte. […] Bevor ich mir darüber klar werden kann, was der schmerzhafte Aufprall bedeutet, trifft eine Hand meine Wangen. Links – rechts – links. Also langsam reicht´s, auch wenn die leichten Schläge meinen Verstand wieder in Gang setzen.

Solche Gedanken erwarte ich nicht von jemandem, der nur knapp dem Tod entronnen ist. Das ist mir zu unbeschwert und kess.  

Als kurz mal eine vielversprechende Situation aufkam, in der es Identifizierungspotential hätte geben können (Stichwort: Selbstmord), in der auf das Gefühlschaos der Protagonistin ernsthaft hätte eingegangen werden können, bricht die Autorin ab und beschreibt den Rest der Szene zusammenfassend mit einigen Sätzen. Verschenkt. Schade!

So blieb mir nichts anderes übrig, als das Buch nach einem Drittel abzubrechen, da ich beim Lesen überhaupt keinen Spaß hatte.


Es kann gut sein, dass andere Leser einen ganz anderen Eindruck bekommen, denn hierbei handelt es sich wirklich um eine ganz subjektive Wahrnehmung. Für mich spielen die Figuren eine zentrale Rolle in Geschichten, da kann die Grammatik und Ausdrucksweise noch so perfekt sein – Perfektion ist nicht alles. Manchmal lässt sie etwas sogar kalt und leidenschaftslos wirken. Es sind die kleinen, unkonventionellen Besonderheiten (meiner Meinung nach), die etwas erst zu etwas Besonderem machen.

Das bedeutet aber nicht, dass andere Leser sich nicht an dieser Geschichte erfreuen könnten. Am ausgereiften Stil und der professionellen Ausarbeitung ist absolut nichts auszusetzen.




Daher vergebe ich dem Buch gute 3 Marken. 

















(Das Copyright von Text & Bildmaterialien liegt bei den jeweiligen Verlagen und deren Autoren, die allesamt bei uns im Impressum erwähnt worden sind.)
4 mal erwischt
  1. Hi!

    Und oh ^^ 3 Marken, obwohl du es abgebrochen hast? Da hast du ja noch mal zwei Augen zugedrückt :)
    Für mich wäre das sicher nichts, weil genau das, was du beschreibst, kann ich gar nicht gut leiden. So ähnlich ging es mir grade mit Die 100, dem dritten und letzten Band der Reihe. Auch alles sehr flach und einige verschenkte Szenen, aus denen man mehr hätte machen können. Schade!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    Antworten
    1. Vielen Dank :)

      Es fiel mir wirklich schwer, das Buch zu bewerten, weil es gut und flüssig geschrieben ist und eine tolle Grundidee hat. Aber meine Kritikpunkte waren dann doch zu gravierend und ein flüssiger Schreibstil allein kann mich nicht begeistern. Deshalb sind drei Marken ein guter Kompromiss ...

      Viele Grüße,
      John

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  2. Danke für deine Rezi, denn sie ist ehrlich und trotz deines Abbruchs warst du wirklich gnädig mit der Bewertung. Ich bin nun ein wenig unschlüssig, denn ich habe das Buch selber noch auf der Wunschliste stehen. Da bleibt es zwar noch, aber ich werde trotzdem meine Prioritäten anders legen. :)

    LG Doreen

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  3. Ahoy John (und liebe Grüße an die restliche Crew),

    tolle Rezi! Sind die beiden Auszüge tatsächlich so im Buch zu finden? Neeeeein, ich hab das Buch doch schon bestellt und dann so ein Schreibstil? Ich meine, hallo?! Warm wie ein Ofen? Fehlt ja nur "Und dumm wie Brot"! Neinneinnein... das kann doch jetzt nicht wahr sein!

    LG, Mary <3
    http://marys-buecherwelten.blogspot.de/

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