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18. Oktober 2013

"Hard Boiled" von Marco Rauch / Rezension

 
Titel: Hard Boiled
Autor: Marco Rauch
Taschenbuch: 283 Seiten
Verlag: Koios (Mai 2013)
Sprache: deutsch
ISBN-13: 978-3902837066
Preis: 13,40 Euro



Marco Rauch, geboren 1984, lebt und arbeitet in Wien, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Mit 16 Jahren schrieb er seine ersten Kurzgeschichten, die vorwiegend im Sci-Fi-Genre spielen, aber auch surreale und fantastische Elemente beinhalten. Nach einer Veröffentlichung in einem deutschen Sci-Fi-Magazin und der selbstständig publizierten Kurzgeschichtensammlung Black Desert ist Hard Boiled sein erster Roman.


Die namenlose Hauptfigur, gefangen in einem brutalen, zerstörten Wien ungewisser Zukunft, verdingt sich als Auftragsmörder einer der mächtigsten Firmen des Landes. Diese haben längst die Kontrolle übernommen und teilen sich die Herrschaft untereinander auf. Die Stadt ist am Ende. Das Land, abgeschottet vom Rest der Welt, kämpft ums Überleben. Die harte Fassade des Erzählers bekommt tiefe Risse, als er die junge Amanda kennen lernt und mit ihr eine Affäre beginnt. Dass sie immer tiefer in seine Welt hineingezogen wird, kann er nicht tatenlos hinnehmen. Er reagiert darauf in der einzigen Art und Weise, die er kennt: mit Gewalt. Hard Boiled ist eine schonungslose Geschichte über Liebe, Sex und Gewalt und die Frage, ob man in einer gnadenlosen Welt mit unmenschlichen Taten, zumindest einen Funken an Menschlichkeit bewahren kann.


Mir persönlich gefällt das Cover richtig gut. Es spiegelt die Stimmung der Geschichte wider und deutet vor dem Lesen schon die Richtung der Atmosphäre an: Düster, dunkel und gewalttätig. Es ist nicht überladen, sondern auf seine wichtigsten Bestandteile reduziert. Autorenname, Titel und ein Ort, in dem diese Geschichte spielen könnte.


Die Geschichte beginnt sehr gewalttätig. Zwei Männer foltern einen anderen um an Informationen zu kommen. Nachdem sie die gewünschten Infos haben, wird der dritte Man getötet. Der namenlose Protagonist besorgt sich danach seine Morphintabletten in einem Hochhaus, was zeitgleich als Spielhalle fungiert. Während ihm ein junges Mädchen ins Auge fällt, lässt er den Doktor auf sich einreden, denn diese Tablettendosis muss reduziert werden. Als der Protagonist vor dem Haus steht, spricht ihn das junge Mädchen an und sie landen bei ihm zu Hause. Von nun an wird er dieses Mädchen nicht mehr los und sein bisheriges Leben nimmt eine ganz andere Richtung an, die er für sich geplant hatte.


Bevor ich anfange, bedanke ich mich recht herzlich beim Koios Verlag für das Rezensions-Exemplar.

„Hard Boiled“ ist eine sehr dunkle Geschichte, die von Gewalt, Tod, Drogen und Sex geprägt ist. Ich werde versuchen, so wenig wie möglich zu Spoilern, kann aber für nichts garantieren.

Die Welt, wie wir sie kennen, ist anscheinend untergangen. Einzelne Städte und ganze Länder haben sich wortwörtlich abgegrenzt. Eine Einreise ist kaum mehr möglich, außer man hat Beziehung. Oder Geld. Am besten beides. Der Ort der Handlung beschränkt sich auf Wien, auch wenn hier und da noch von anderen Orten erzählt wird. Die Darstellung der untergangenen Welt ist klasse. Man liest sogar zwischen den Zeilen, dass an allen Ecken die Gewalt vorherrscht. Das spiegelt sich auch in dem immer bewölkten Himmel, den ständigem Regen und dem Dreck an jeder Straßenecke. Müll häuft sich entlang der stinkenden Donau. Für tiefe Gefühle, Mitleid oder gar Liebe ist kein Platz. Wien wird von „Firmen“ kontrolliert, die eindeutig das Sagen haben. An dieser Stelle erfährt man aber leider nicht, warum die Welt in Schutt und Asche liegt. Hier und da wird zwar von einem Krieg gesprochen, aber auch dazu erfährt man nichts Näheres. Was diese Firmen kontrollieren oder wie sie dazu gekommen sind, erfährt man ebenfalls nicht. Einerseits ist das wirklich schade, andererseits reduziert der Autor damit die Geschichte auf das Nötigste. Er zeigte mir nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben seines Protagonisten, ohne jedoch Hintergrundinformationen zu verraten. Hier bin ich bis jetzt etwas gespalten. Auf der einen Seite fehlen mir einfach wichtige Informationen um die Handlungen der agierenden Figuren nachzuvollziehen. Wie ist der Protagonist zu dem geworden, was er  ist? Woher kommen diese „Firmen“? Warum ist die Welt so wie sie ist? Nicht mal kleine Andeutungen werden eingestreut, damit ich mir als Leser vielleicht selbst etwas zusammen raten kann. Auf der anderen Seite geht es wirklich nur um den namenlosen Protagonisten, den ich nur ein kleines Stück begleiten durfte. Ich erfuhr viel über ihn, seine Mitmenschen und das Miteinander unter den noch Lebenden, trotz der fehlenden Hintergrundinformationen.
Ein paar kleine Logikfehler fand ich dennoch:

„Am Himmel hängen schwere, dicke Regenwolken. Grau und teilnahmslos schweben sie dort schon seit einer Ewigkeit und sorgen dafür, dass keiner unter diesem Himmel die Sonne oder den Mond je wieder zu Gesicht bekommen wird.“
(Seite 7, Zeile 3)
(Copyright Text: Autor/Marco Rauch, Verlag/Koios)

„Als wir damit fertig sind, haben die heraufziehenden Wolken den Himmel weitestgehend verdunkelt. Das tiefe, dunkle Blau der Wolken verschmilzt mit dem Blau des Horizonts und lässt alles wie ein einheitliches Gebilde erscheinen, das nahtlos ineinander übergeht.“
(Seite 52, Zeile 21)
(Copyright Text: Autor/Marco Rauch, Verlag/Koios)

Immer wieder wird erwähnt, dass der Himmel Dauerbewölkt ist. Niemand sieht die Sonne oder den Mond. Und dennoch wird in dem zweiten Zitat auf den blauen Himmel eingegangen. Das fand ich seltsam, denn allein schon die Tatsache, dass der blaue Himmel nicht mehr sichtbar ist und Wolken auf die Welt herunterdrücken, macht viel der düsteren Stimmung aus.

Der Protagonist (im Folgenden Mister X genannt) wird als Schlägertyp/Auftragsmörder dargestellt, der wenn nötig, jeden tötet der sich ihm in den Weg stellt. Ohne Probleme kann er nur mit einem Messer bewaffnet fünf Kerle abschlachten und geht vollkommen ohne Verletzung aus dem Kampf hervor. Davon gibt es ein paar Szenen, die die Glaubwürdigkeit des Protagonisten herabsetzen. In diesen Szenen wirkt er eher wie Superman, anstatt seinem Bild als älterer, Morphintabletten-Abhängiger Mörder gerecht zu werden. Auch hier bin ich wieder gespalten, denn das Bild von ihm ist eigentlich einschlägig, dennoch werfen diese Kampfszenen seine Glaubwürdigkeit über den Haufen und lassen ihn etwas zu sehr Überzeugt von sich selbst erscheinen. Einen Namen, Alter oder Aussehen erfährt man indes nicht. Während des Lesens wird zwar klar, dass der älter als 16 sein muss, viel älter, aber das war es auch schon. Diesen Umstand fand ich erfrischend! Ich könnte mir aufgrund der Taten und des Gesagten von ihm, selbst ein Bild zusammen stellen. Somit hat jeder, der dieses Buch liest, einen eigenen Protagonisten vor Augen. Anfangs dachte ich, das es schwer werden könnte, einen Bezug herzustellen, aber diesen fand ich ohne Probleme. Auch wenn die Ich-Form des Textes an einigen Stellen Wiederholungen aufwirft, las ich mich doch recht schnell in die Psyche des Mannes ein.
Skrupel oder ein Gewissen sind ihm nur noch sehr schwach in Erinnerung und kommen kaum noch zu Tage. Er tut, was getan werden muss, ohne es zu hinterfragen. Seine Handlungen sind nicht immer nachvollziehbar, was aber eben daran lag, dass mir null Hintergrundinformationen gegeben wurden.
Es fällt mir schwer, meine Empfindungen in Worte zu fassen. Ich möchte hier ebenfalls noch einmal erwähnen, dass es einerseits kompliziert war, mit dem Protagonisten umzugehen aufgrund der fehlenden Hintergrundinfos, andererseits war der Schreibstil des Autors sehr aussagekräftig. Er zeigte ein Bild seines namenlosen Protagonisten allein durch dessen Handlungen auf und dadurch, wie er  etwas und in welchem Zusammenhang er es sagte. Ich will damit sagen, dass die Art und Weise des Geschriebenen gleichzeitig eine gute und schlechte Seite hat und mich als Leser in meiner Meinung teilt.
Ein Beispiel:

„Während ich quer durch die Stadt zu Mikes Wohnung fahre, wird mir klar, dass mir Amanda viel bedeutet und ich sie erstaunlicherweise sehr gern habe, mehr als ich mir zunächst eingestehen wollte.“
(Seite 37, Zeile 28)
(Copyright Text: Autor/Marco Rauch, Verlag/Koios)

Wie gesagt ist Mister X kalt, ihn interessiert es nicht, wenn jemand zu tote gefoltert wird. Aber nach einer Nacht ist er sich sicher, dass ihm Amanda mehr bedeutet, als ihm klar war. Warum ist das so? Des Weiteren verschont er einen Mann, bei welchem er denkt, er sei Unschuldig, schlachtet aber ein Haus voller Menschen ab, die vielleicht etwas getan haben könnten, dass ihm nicht passt? Ich denke, dass mit mehr Informationen über ihn, man diesen Gedankengang besser hätte nachvollziehen können. Die Szene davor verdeutlicht aber zeitgleich, dass in dieser Welt kein Platz für Gefühle ist und der Protagonist alles so nimmt, wie es passiert. Sie sitzen im Auto. Er hat sie zur Schule gefahren und beide sind zu spät dran.

„Kurz darauf kommt ihr Kopf hoch und sie schluckt runter. Sie setzt sich am Beifahrersitz auf. Ich mache mir die Hose zu.“
(Seite 37, Zeile 7)
(Copyright Text: Autor/Marco Rauch, Verlag/Koios)

Sehr gut, trotz der Verwirrung die die Schreibweise hervorgerufen hat, sind die kurzen Sätze, die hervorragend die Atmosphäre widerspiegeln. Der Autor verzichten auf unnötige Wörter, was meistens sehr gut zum Inhalt der Geschichte passt.

Noch etwas, das mich irritiert hat, war folgendes: Mister X sucht sich Männer für eine Übernahme einer fremden Lieferung. Es wird betont, dass diese Männer diszipliniert und trainiert sind. Sie reißen nicht unkontrolliert die Waffen während des Verteilens an sich (Seite 46, Zeile 13). Eine Seite weiter wird aber oft erwähnt, dass diese Männer nervös sind, Angst haben und sich dadurch sogar übergeben müssen. (Seite 47, Zeile 7). Anscheinend machen sie so einen Überfall/ eine Übernahme einer Lieferung für eine andere Firma nicht das erste Mal, warum sind sie also erst diszipliniert und dann übergeben sie sich in die Büsche (Seite 49, Zeile 29)? Die Anmerkungen mit dem Himmel und den Männern sind jetzt nur zwei Beispiele, es gab noch ein paar andere Stellen, an denen die Logik von zuvor aufgestellten Äußerungen zunichte gemacht wurde.
Auch das fehlende Ende der Vorbereitungen auf diese Übernahme der Lieferung fand ich enttäuschend. Ich las, wie die Männer nervös waren, wie darauf gewartet wird, das die LKW´s auftauchen und dann endet das Kapitel. Im nächsten geht es dann gleich mit der Versorgung der Verletzen weiter, die in der Verfolgungsjagd getroffen wurden. Die Geschichte hat zwar durchweg einen relativ hohen Spannungsbogen, aber so kurz vor einem wirklich heiklen Spannungspunkt abzubrechen und diesen dann einfach zu übergehen, nahm mir als Leser die Lust am Lesen, denn genau das wäre wirklich interessant gewesen. Und von solchen Übergängen gab es leider einige.

Wenn die Handlungen auch meistens nachvollziehbar sind (jedenfalls dann, wenn die Protagonisten agieren und reagieren), so gibt es doch auch hier und da ein paar Szenen, in denen mir ein „Was?“ herausgerutscht ist. Zum Beispiel ab Seite 169, Zeile25, in der sich Mister X in einer Bar zusammenschlagen lässt, nachdem er sich mit einem Bekannten unterhalten hat. Mister X möchte einen Gefallen von ihm, der andere lehnt ab. Nachdem sich Mister X hat zusammenschlagen lassen, nimmt sein Bekannter den Auftrag doch an. Warum tut er das? Die Erklärung für die geänderte Meinung geht unter, auch wenn ich die plötzlich aufkommende Gewalt verstehen kann, da sie wiederrum  ein Produkt der brutalen Welt ist.

Am Ende sind es natürlich einige Leute, die sterben mussten. Auch wenn diese Welt brutal, erbarmungslos und äußerst dunkel ist, kann ich auch hier einige Morde nicht nachvollziehen. Außerdem fehlten mir Auflösungen einiger Konflikte, die erklärende Bedeutung der Beziehungen zwischen einzelnen Protagonisten und, immer noch, die Hintergrundinformationen. Wenn am Anfang der Geschichte wenig erzählt oder verraten wird, so wird es gegen Ende immer weniger, was man erfährt. Der Autor lässt den Leser nicht mehr an den Entscheidungen teilhaben, die Mister X trifft, sondern stellt uns vor vollendete Tatsachen. Gedankengänge werden übersprungen oder durch verwirrende Dialoge ersetzt. Das Ende in Bezug auf die Geschichte ist wiederrum passend. Es schließt mit den Protagonisten ab. Im Grunde ist es ein gutes Ende, aber ohne Happy End.

Zum Schluss möchte ich noch etwas in eigener Sache erwähnen. Ich weiß, dass der Autor aus Österreich stammt und dadurch auch die folgenden Anmerkung zu erklären sind, dennoch waren sie für mich befremdlich, da ich sie nicht kenne. Andererseits passen sie zum Protagonisten und machen ihn dadurch authentischer. Wieder einmal ist meine Meinung gespalten.

„»Na fein«, sagte sie und ist schon am Weg ins Schlafzimmer.“
***
„Larsen schweigt und dämpft seine Zigarette aus.“
***
„Viktor liegt wieder am Rücken und starrt …“
(Copyright Text: Autor/Marco Rauch, Verlag/Koios)



Der Autor baut mir viel Mühe und ohne störende Adjektive eine brutale und schonungslose Welt auf, die er gekonnt am Leben erhält. Es gibt nicht eine Seite, auf der die grausame Atmosphäre verloren geht. Allerdings hat mich diese Geschichte immer und immer wieder innerlich zerrissen. Meistens war ich mit mir selbst nicht einer Meinung. Wenn ich zum Beispiel das Fehlen der Hintergrundinfos störend fand, war genau dieser Umstand an einer anderen Stelle perfekt eingearbeitet. Einmal angefangen fand ich mich dann recht schnell in einer überaus düsteren Welt wieder, die keinen Platz für tiefe, zwischenmenschliche Beziehung lässt. „Hard Boiled“ zeigt auf eine wirklich grausame und erbarmungslose Art, was aus den Menschen wird, wenn die ganze Welt in Chaos und Gewalt versinkt. Denn auch wenn Gefühle auftauchen, sie werden nicht wirklich erkannt und die Menschen reagieren so, wie sie es kennen: Mit einer ganzen Menge an roher Gewalt.



Mich hier für eine Bewertung zu entscheiden, viel mir noch nie so schwer. Eigentlich habe ich nach dem Lesen immer ein direktes und klares Bild von der Geschichte. Nach dem Schreiben der Rezension würde ich aber 3 von 5 Marken an „Hard Boiled“ vergeben, da mir doch im Großen und Ganzen einfach zu viel fehlte. Hintergrundinformationen, Gedankengänge und Erklärungen für Handlungen könnten, wenn schon nicht offensichtlich dargestellt, wenigstens am Ende der Geschichte subtil eingebracht und daher nachvollziehbar sein. 



 Liebe Grüße









(Das Copyright von Text & Bildmaterialien liegt bei den jeweiligen Verlagen und deren Autoren, die allesamt bei uns im Impressum sowie bei den Extras erwähnt worden sind.)
1 mal erwischt
  1. Wie immer eine starke und aussagekräftige Rezension! (Muss ich nun schon gar nicht mehr bei euch loben, ist ja hier eine Selbstverständlichkeit.)

    Mehr Lob kann ich nicht zulassen, da hier sonst Tilly auch noch ein Schleimglaß für mich erstellen muss. (Kleiner Scherz am Rande. Spricht eigentlich nichts dagegen, mir eins anzulegen. ^^)

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